Bis vor ein paar Jahren hat Sebastian Hanka seinen Kopf nur selten in die Straußwirtschaft gesteckt, die seine Eltern Sigrid und Veit in Johannisberg im Rheingau betreiben. Zweimal im Jahr öffnen sie die Türen und bewirten ihre Gäste nach allen Regeln einer inzwischen fast ausgestorbenen Kunst. Es gibt im Rheingau nur noch eine Handvoll Weingüter, die sich die Tradition der Straußwirtschaft so authentisch auf die Fahne geschrieben haben wie die Hankas. Geöffnet wird nur ein bis zwei Monate zum Jahresanfang und etwa drei Wochen nach der Lese. Mehr nicht, da kann kommen, was will. In der übrigen Zeit widmet sich die Familie den Reben, begleitet sie durchs Jahr und lässt ihre Früchte zu Wein werden. Das Weingut Hanka ist ein stiller Ort. Hektik ist woanders.

gute leute, gutes essen und guter wein

Während der Öffnungszeiten der Straußwirtschaft ändert sich das schlagartig. Es wirkt dann fast ein wenig so, als ob die Hankas den ganzen Stress, den es hier sonst nicht gibt, in ein paar Tagen nachholen wollen. Dann sitzen die Gäste dicht gedrängt in der Stube und parlieren, dass es eine Wonne ist. Und die Hankas sausen zwischen den Stühlen hin und her. Fröhlich tragen sie  Spundekäs' mit Brezeln und viele andere Klassiker  aus der Gutsküche an die Tische und schenken Riesling und Spätburgunder aus und manchmal auch ein Glas Sauvignon blanc. Und wenn man meint, es ginge kein Zecher mehr hinein, weil die Stube gleich aus allen Nähten platzt, dann schafft ein Familienmitglied auf wundersame Weise doch noch einen Stuhl heran. 

Inzwischen sieht man Sebastian Hanka häufiger in der Straußwirtschaft und im Weingut. Erst hat er eine Winzerlehre bei den Weingütern Karl-Heinz Gaul und Bassermann-Jordan in der Pfalz absolviert, dann Weinbau in Geisenheim studiert und schließlich in Südafrika bei Buitenverwachting in Constantia gearbeitet.

Am anfang ist jeder wein nur eine idee

Die Hankas sind eine Winzerfamilie mit festen Überzeugungen. Im Zentrum ihres Schaffens steht der Riesling als Fixstern, um den noch ein paar andere Planeten kreisen, Spätburgunder zum Beispiel und als Newcomer Sauvignon Blanc. Doch vor zwei Jahren haben die Hankas etwas getan, das so gar nicht in den fest gefügten Rahmen zu passen schien und einen Plan umgesetzt, der seinesgleichen sucht. Sebastian hat sie davon überzeugt, den bisher gepflegten Ordnungsprinzipien im Weinberg 'Adieu' zu sagen, dem Chaos quasi Tür und Tor zu öffnen. So mag es zumindest auf den ersten Anschein wirken, wenn er erzählt, dass sie einen Mischsatz gepflanzt haben - und  zwar mit allen Konsequenzen, die ein solches Projekt nach sich zieht. 

Die neuen, alten Rebsorten stehen in einer bunten Mischung im Weinberg. Das Besondere daran: Sie werden nicht nur zusammen angebaut, sondern auch gemeinsam gelesen, gekeltert und vergoren. Die Auswahl der Sorten hat Sebastian Hanka nach aufwändiger Recherche festgelegt, denn sein Projekt soll sich konsequent an den genau dokumentierten historischen Fakten orientieren, die die Kultur des Mischsatzes im Rheingau hinterlassen hat. 

ein neues, altes projekt beginnt

Veit Hanka, der Oestricher Doosberg und Hallgarten im Hintergrund.

So sahen die Reben (linke Zeile) kurz nach der Pflanzung aus.

alles ganz exakt

Im Frühling 2015 haben die Hankas im Oestricher Doosberg 0,2 Hektar besten Boden mit ihren favorisierten Sorten bepflanzt. Das sind 20 Ar, ein knapper Morgen oder 80 Ruten, um es in historischen Flächenmaßen auszudrücken. Das Prinzip des Mischsatzes überlässt den Rebsorten und der Lage die Hauptrolle bei der Gestaltung des Weines. Der Sortenspiegel und der Zeitpunkt der Lese sollen seinen Charakter bewusst stärker definieren als bei einer herkömmlichen Anlage, denn hier ergibt sich eine ganz besondere Spannung durch die Interaktion zwischen der individuellen Genetik der einzelnen Rebsorten und dem idealen Erntezeitpunkt. 

und doch unberechenbar

Dieses neue, alte Prinzip ist zunächst einmal eine Abkehr von der Idee der Reinsortigkeit. Es ist aber noch mehr als das. Sebastian Hankas Wein entsteht nicht durch die nachträgliche Komposition im Keller, sondern durch die unterschiedlichen Charakteristika der verschiedenen Sorten und ihrer individuellen Reaktion auf die Wachstumsbedingungen im Oestricher Doosberg. Das Geschmacksbild des Weines ist also eine Konsequenz, die sich aus einer komplexen Pflanzengemeinschaft ergibt. Das Ziel ist ein Wein, der seinen Charakter der Unberechenbarkeit dieser historischen Mischung verdankt.

naturgemäße  affinität zur wirtshauskultur

Von seinem Mischsatz erhofft sich Sebastian Hanka eine ereignisreiche Schwingung in der Bandbreite der Jahrgänge, bei denen jeweils unterschiedliche Temperamente in den Vordergrund treten und den Wein prägen. "Da meinem Mischsatz eine naturgemäße Affinität zur Wirtshauskultur innewohnt, wird er natürlich bei uns zu Hause in der Straußwirtschaft eine Rolle spielen. Denn hier kann er sein Talent am besten unter Beweis stellen," sagt Sebastian Hanka. "Ich kann mir aber auch vorstellen, dass der Mischsatz auch dort Freunde findet, wo die Liebe zur Ursprünglichkeit zu Hause ist, wo man die Kultur des Einfachen pflegt. Das kann in Gasthäusern sein, die richtig gutes Essen machen oder in Restaurants, die ihren Gästen authentischen Genuss abseits ausgetretener Pfade anbieten möchten."

wein erleben ohne scheuklappen

Sebastian Hankas Mischsatz ist keine romantisch verklärte Flucht in die Vergangenheit. Dem jungen Winzer geht es darum, dieser fast ausgestorbenen Kulturtechnik neue Impulse zu geben. Von seiner Idee verspricht er sich einen besonders ausdrucksstarken Wein, der sich zu 100 Prozent auf den Rheingau bezieht, denn die gepflanzten Sorten gehörten früher zu den bevorzugten Mischsatz-Reben rund um Johannisberg und im Rheingau. Bei der Suche nach den richtigen, historisch dokumentierten Sorten hat ihn das Institut für Rebenzüchtung der Hochschule Geisenheim unterstützt und die maßgeblichen Quellen zugänglich gemacht. 

das alles schmeckt man nicht nur, man sieht es auch.

Die Trauben für den Mischsatz von Sebastian Hanka werden mit einer historischen Korbpresse gepresst und in Edelstahltanks und Halbstückfässern vergoren. Abgefüllt wird der Wein in die große braune Rheingau-Schlegelflasche und obendrauf kommt ein schöner langer Naturkorken. Die Etiketten werden auf einem inzwischen sehr seltenen Heidelberger Tiegel gedruckt, der seinerseits ein Klassiker aus den längst vergangenen Zeiten des Hochdrucks ist, und dann mit echtem Leim in Handarbeit auf die Flaschen aufgebracht. Auf diese Weise wird jede zu einem Unikat, das nicht nur besondere innere Werte vermitteln, sondern auch eine ästhetische Entsprechung in der äußeren Form bieten möchte. 

Making of

ZURUECK IN DIE ZUKUNFT

2018

zurueck in die zukunft

on air

ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT live bei HR 2 am 8. November 2018. Sebastian Hanka im Interview mit Moderator Martin Maria Schwarz. Hier reinhören!